Mosser, Peter; Lenz Hans-Joachim (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt gegen Jungen: Prävention und Intervention.

Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska

Peter Mosser/ Hans-Joachim Lenz (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt gegen Jungen: Prävention und Intervention. Ein Handbuch für die Praxis, Springer Fachmedien Wiesbaden 2014. (ISBN 978-3-658-04070-3, Softcover EUR 39,99)

Dirk Banges ersten Satz in seinem Vorwort kann ich nur unterstreichen: "Das vorliegende Buch ist wichtig!" (S.7), weil aus der Praxis für die Praxis geschrieben wird. Banges drittes Argument für die Wichtigkeit möchte ich noch ergänzen: Wegen der defizitären Behandlung der sexualisierten Gewalt gegen Jungen ist die Aus- und Fortbildung für das betroffene pädagogische und therapeutische Personal so wichtig. Alle Autoren sind Männer, ihr Material stammt aus der Praxis und ist deshalb ein ausgezeichnetes Illustrationsmaterial auch für die anbietet, die noch keinen Erfahrungszugang zum Themenfeld haben. Beispiele haben immer eine starke Überzeugungskraft, um sich eines verschwiegenen Problems in unserer Männerwelt anzunehmen. Einen weiteren starken Impuls aus Banges Vorwort möchte ich verstärken: "Alle Beiträge (sind) von Zuversicht getragen" (S.10), was dazu beitragen möge, "eine starke Lobby für sexuell missbrauchte Jungen und Männer aufzubauen"(S.10).

Diese Zuversicht und Ermutigung zur Prävention und therapeutischen Arbeit wird auch von Mosser/Lenz in ihrer Einführung betont, weil die bisherige Arbeit im kleinen Kreis der "Fachmännertreffen" (S.11) nun auch dokumentiert vorliegt. Die sinnvolle Gliederung der Berichte, die schnelle Orientierung am Anfang durch die Abtracts und Schlagwörter machen das Lesen und Erarbeiten der Inhalte wesentlich leichter, auch für die, die schon lange in der Arbeit tätig sind.

Der einführende Beitrag von Hans-Joachim Lenz "Wenn der Domspatz weiblich wäre ... Über den Zusammenhang der Verdeckung sexualisierter Gewalt an Männern und kulturellen Geschlechterkonstruktionen" (15 - 40) analysiert den gesellschaftlichen Kontext eines "Verdeckungszusammenhanges" (S.15) männlicher Gewaltbetroffenheit, was viel zu lange die Fixierung auf den Mann als Täter begünstigt hat. Seine Beispiele (S.16f.) aus öffentlichen Diskussionen (Regensburger Domspatzen/ Odenwaldschule/ Canisiuskolleg/ Reformpädagogik) lassen die Insider über so viel Unkenntnis nur mit dem Kopf schütteln und immer wieder nach den Ursachen einer solchen Ignoranz fragen. Die gesellschaftliche Fixierung der Geschlechterordnung erlaubt dem Mann/Jungen keine Verletzlichkeitsgefühle. Solche Determinanten machen es den verletzten Männern/Jungen sehr schwer sich zu outen,- bis zum heutigen Tag.

Prävention (S. 43-116)

Die Methode der aufsuchenden Präventionsarbeit hat sich als recht erfolgreich erwiesen, wenn Jungen an Orten (Freizeit/ Schule) aufgesucht und die dortigen Gefahren für sie aufgedeckt werden. "Ein Ziel unserer Arbeit ist es, ´Jungen` in ihrer ganzen Vielfalt dabei zu unterstützen, eine eigene, individuelle Geschlechtsidentität in ihrem Leben zu entwickeln, mit der sie sich wohl fühlen und glücklich sind." (Marek Spitczok von Brisinski, "Auftritt vor Ort -Prävention von sexueller Gewalt an Jungen im öffentlichen Raum", S. 43 Anm.1).
Das vorgestellte Beispiel (S. 44f.) zeigt, wie Jungen in die Falle einer so genannten "offenen Wohnung" geraten und von den anbietenden erwachsenen Männern bis zur sexuellen Gewalt ausgenutzt werden.
Welchen Risiken und Gefahren Jungen außerhalb der medialen Welt ausgesetzt sind, wird an solchen Orten erkennbar, an denen sich neugierige und aufgeschlossene Jungen in ihrer Freizeit aufhalten. Ihnen deutlich zu machen, welchen Täterstrategien sie ausgesetzt sind, gehört zur aufsuchenden Präventionsarbeit.
Das vorgestellte Modell der "berlinerjungs. Hilfe für Jungen bei Sexueller Gewalt" (S. 49) illustriert überzeugend, wie Aufklärung durch Wissen über eine solche Lebenswelt Jungen zum Sprechen über das Erlittene bringen kann. "Prävention muss Jungen dort erreichen, wo sie sind - mit interessanten Inhalten sachlicher und fachlicher Herangehensweise und pädagogischer Kompetenz" (S.64)

Wenn Markus Wojahn ("Jungen Erlaubnisse erteilen - Sekundärprävention sexualisierter Gewalt mit multimedialer Unterstützung", S.71-99) sein Konzept der Sekundärprävention mehr unter dem Begriff der Prophylaxe verstehen will, so mag eine solche theoretische Abgrenzung vielleicht hilfreich sein, wenn vor allem darunter die Beziehungsebene reflektiert wird: Wie müssen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen qualifiziert sein, um eine Vertrauensbeziehung in der Jugendarbeit zu schaffen? Vertrauen stiftende Handlungs- und Verhaltensweisen dienen auch in der präventiven Arbeit der Glaubwürdigkeit der Person im Umgang mit Jugendlichen.
Wenn Prophylaxe mehr eine Reflexion der Prävention auf der Beziehungsebene sein soll, bleibt eine solche Unterscheidung sinnvoll.

Eine weiterführende Zusammenfassung beider Zielsetzungen liefert der Beitrag von Martin Helmer und Christoph Muck ("Präventive Haltung und Arbeit in der schulischen Prävention zum Thema sexualisierte Gewalt", S.102 - 116) am Beispiel der Arbeit in der schulischen Prävention. Orientiert an der "präventiven Haltung" der "Kursleiter" wird durch die aufsuchende Präventionsarbeit und die Qualitätskriterien für Kursleiter ein Profil entworfen, das für ein Training der Verantwortlichen überaus hilfreich wird. Die Seiten 104 - 112 empfehle ich als Pflichtlektüre für alle in der Arbeit Engagierten im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Jungen. Dazu gehört auch das "Lernprogramm" in der Zusammenfassung (S. 113f.).

Intervention (S. 117 - 303)

Der besondere Wert des Buches zeigt sich auch im Interventionsteil, weil darin aus der Praxis (z.B. den Beratungsstellen) für die Praxis berichtet wird. Das angebotene Beispielmaterial bereichert vor allem solche Mitarbeitenden, die keinen oder nur geringen Zugang zu Praxis haben. Für Erfahrene aus der Praxis erweist es sich als Erweiterung und reflektierte Vertiefung täglicher Arbeit.
Im Erfahrungsbericht von Heinrich Fischer und Ruth Klein-Funke ("Gruppenarbeit mit männlichen Opfern von (sexualisierter) Gewalt: Projekt mit 8-10 jährigen Jungen bei Neue Wege in Bochum", S.119 -1 41) über eine gruppentherapeutische Maßnahme der Beratungsstelle wird dezidiert und reflektiert ein Verlaufsplan dokumentiert, der zur Nachahmung motiviert. Die Summe der Ideen und Phantasien faszinieren. Identifikationen mit den Selbstreflexionen der Kursleiter bieten sich an und sprechen für die Qualität des Projektes.

Eine sehr gelungene Einführung in die Traumatherapie mit missbrauchten Jungen (S. 143 - 174) dokumentiert Wolfgang B. Werner ("Empört euch - engagiert euch! Traumapädagogik und Traumabegleitung bei sexueller Gewalt an Jungen") vom Projekt "berlinerjungs". Jungen mit einer PTBS, erwachsen aus erfahrener sexualisierter Gewalt, bedürfen der Hilfe durch geschultes Personal in "Traumazentrierter Fachberatung" (TFB). Die Fülle des angebotenen Materials nötigt zum Selbstlesen und lässt sich kaum angemessen referieren.

Der Beitrag von Matthias Nitsch ("Die Angst vor der Retraumatisierung des Klienten", S. 175 - 182) behandelt die Frage, wann der angemessene Zeitpunkt gegeben ist, um Betroffene über die erfahrene Gewalt sprechen zu lassen. Die Gefahr einer Retraumatisierung durchs Erzählen ist latent vorhanden. Sein Rat: Wünsche der Betroffenen und der Therapeuten sind bei hoher Sensibilität abzuwägen.

Volker Mörchen ("Ich war doch schon immer der Fußabtreter für alle..." Mehrfachbetroffenheit männlicher Opfer sexualisierter Gewalt", S.183 - 209) diskutiert ein Gewaltproblem, das durch die Dominanz der diskutierten Sexualisierten Gewalt übersehen wird: die Mehrfachbetroffenheit von Jungen als Opfer von Gewalt. Fallbeispiele aus dem Bremer Jugendbüro (S.183f.) zeigen deutlich die Fülle an Belastungen von betroffenen Jungen. Zutreffend nimmt der Verfasser die Frage nach einer Taxonomie von Gewalterfahrungen auf. Dabei ist auffällig:"die Tendenz zur Unsichtbarkeitsmachung männlicher Opfer und die Unterstellung einer aus der Opfererfahrung resultierenden Täterschaft." (S.189)
Dass gewisse Gewalterfahrungen einer gewissen öffentlichen Konjunktur unterliegen, ist eine nicht zu leugnende Beobachtung. Darum ist es gut und nützlich, dass sich Volker Mörchen auch dieser Beobachtung kritisch stellt, um Bagatellisierungen von Gewalterfahrungen (z.B. Mobbing) vorzubeugen.

Eine sehr gründliche und umfangreiche Abhandlung zu "Grenzverletzende Kinder und Jugendliche - verletzte Menschen mit verletzten Grenzen?! Traumapädagogische Arbeit mit sexuell übergriffigen Kindern und Jugendlichen", S.211 - 261) bietet Torsten Kettritz. Sein Beitrag "ist ein Plädoyer für eine stärkere Gewichtung der Traumabehandlung im Verhältnis zur Deliktarbeit." (S.211) Ausgehend von einem sehr gut dokumentierten Fallbeispiel ("Ben ist ein chronisch multipel traumatisierter fünfzehnjähriger Junge" (S. 217) werden die Korrelationen in der  Doppelrolle als Opfer und Täter aufgezeigt.
Der Wandel vom Opfer zum Täter wird an Hand der Sekundärliteratur und den Berichten von "Ben" in sehr gründlicher und einsichtiger Weise dokumentiert und diskutiert.
Ein Lehrbeispiel für die Aus- und Fortbildung, denn "Grenzverletzende Menschen sind verletzte Menschen mit verletzten Grenzen" (S.226)

Zur Pflichtlektüre gehört der zusammenfassende und weiterführende Artikel des Herausgebers Peter Mosser, "Grundelemente einer Methodik für die psychosoziale Arbeit mit sexuell misshandelten  Jungen," (S. 263 - 303). Der Verfasser hat sich über 14 Jahre mit dem Thema des Buches befasst und Erfahrungen im "kibs" (www.kibs.de) in München gesammelt. Er gilt als ausgewiesener Experte für das Problemfeld der sexualisierten Gewalt gegen Jungen in Theorie und Praxis. Mosser sieht das Defizit an Theoriebildung im Umgang mit missbrauchten Jungen und entwickelt ein Beratungskonzept aus 24 Schritten, die er auf dem Hintergrund seiner reichen Erfahrungen gründlich interpretiert. Den Hintergrund bildet eine "ideokratische Methode" (S. 265),  bei der eine auf eine männliche Besonderheit bezogene Wirksamkeit bedacht wird.

Am Ende kann ich nur das Votum von Dirk Bange wiederholen. Es liegt ein wichtiges Buch vor. Und ich ergänze: was die Arbeit in der Praxis für die Praxis ganz entscheiden weiterbringen kann. Es ist nur zu wünschen, dass ich viele im Thema Engagierte in der Fortbildung mit den Inhalten auseinandersetzen.

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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