Arbeitskreis Rituelle Gewalt der Bistümer Osnabrück, Münster und Essen (Hrsg.): Rituelle Gewalt. Das (Un)heimliche unter uns.

Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska

Arbeitskreis Rituelle Gewalt der Bistümer Osnabrück, Münster und Essen (Hrsg.): Rituelle Gewalt. Das (Un)heimliche unter uns. dialogverlag, Münster 2014.

Es war vor etwa 15 Jahren, ich war im Gespräch mit einem bekannten Journalisten, der u.a. die rituelle Gewalt mit aufgedeckt hatte. Ich deutete ihm an, dass ich mich gerne diesem Thema stellen würde. Seine Antwort hat mich höchst irritiert: "Wenn Sie einen ruhigen Lebensabend genießen wollen, rate ich Ihnen: lassen Sie die Finger davon." (vgl. das "Interview mit Domkapitular Alfons Stoodt zum Satanismus", S. 187-192).

Ich wurde neugierig, las erste Selbstzeugnisse (vgl. Ulla Fröhling, Vater unser in der Hölle, Lübbe 2008) und mein Vorwissen veränderte sich so, dass ich den Rat des Journalisten verstand. Gegen diese hochkarätige und bestens vernetzte Ausbeutungselite ritualisierter Gewalt wäre ich als einzelner machtlos gewesen.

Umso mehr freue ich mich, das der "Arbeitskreis Rituelle Gewalt der Bistümer Osnabrück, Münster und Essen" einen Band herausgegeben hat, dem auch die ausgezeichneten getarnten kriminellen Vergewaltiger nichts anhaben können.

Kapitel 1

Erschüttert über und dankbar für die vielen Selbstzeugnisse habe ich den Band durchgearbeitet. Besonders betroffen gemacht hat mich der Abschnitt 1.8 (S.61-86) über das "System der Täter". Hier habe ich kräftig hinzu gelernt, obwohl ich schon früher zu den Täterprofilen gearbeitet hatte. (vgl. Herbert Ulonska/Michael J. Rainer, Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern, LITT, 2. erw. Auflage 2007, S. 123-141).

Auch der Abschnitt 1.9 "Angehörige von Menschen, die rituelle Gewalt erlebt haben" (S.87-104), war mir eine große Hilfe, da ich einen solchen Bericht über das Zusammenleben mit einer rituell Missbrauchten noch nicht gelesen hatte.

Kapitel 2

Kapitel 2 (S.105-193) behandelt die "Professionelle Arbeit mit Überlebenden Ritueller Gewalt". Wegen des Perspektivenreichtums in der Behandlung aus psychiatrischer Sicht kann ich dieses Kapitel allen Mitarbeitenden nur als Pflichtlektüre empfehlen. Ermutigungen zum therapeutischen Weitermachen sind trotz aller resignierenden Phasen so dringend nötig, denn auch Seelsorgende bedürfen der seelsorglichen Begleitung, um immer wieder selbstbewahrende Distanz zum unfassbaren Geschehen ritueller Gewalt behalten zu können (vgl. "Rituelle Gewalt. Chancen und Grenzen seelsorglichen Helfens", S.173-186).

Kapitel 3

Dankbar bin ich auch als Theologe für das 3. Kapitel: "Religionswissenschaftliche Aspekte Ritueller Gewalt" (S.193-222), weil die Frage dringend wegen der vielen Missverständnisse behandelt werden muss: Was ist das Religiöse an Ritueller Gewalt? Die Religionswissenschaftlerin Adelheid Herrmann-Pfandt zeigt überzeugend auf, wie in destruktiven Kulten viele alte Rituale aufgenommen werden, auch die des Menschenopfers. Wer die Pervertierung der Gottesfrage nachvollziehen kann, wird auch die Perversität der Umkehrung zum Satanismus verstehen: Gott und der Christus Gottes gehören auf die Seite der Schwächlinge, Satan dagegen auf die Seite der Starken und Mächtigen. Diese synkretistische Religionsausübung legalisiert die Aufnahme von okkulten Opferritualen aus vor- und außerchristliche Zeit, wie die Umkehrung von Werten des christlichen Glaubens. Wer dieser "Pervertierung" folgt, genießt einen Zugewinn an Macht über Menschen im Ritual. Die Umkehrung der Werte macht Schwache "stark" und Untertänige gewaltbereit.

Dieses wechselseitige System stabilisiert sich in satanischen Ritualen: der Sadist wird legalisiert und sein Opfer kultisch überhöht über sein schwaches, gebrochenes antrainiertes Selbstbild hinaus (vgl. S.203f.)

Adelheid Herrmann-Pfandt zeigt deutlich, wie solche Opferrituale in den verschiedenen Kulturen zelebriert werden, dass z.B. ein schwacher, ängstlicher Mensch dem mächtig geglaubten Gott ein Menschenopfer bringt, um nicht selbst vernichtet zu werden. Dem Opfer wiederum wurde im Tod Göttlichkeit versprochen.Zustimmen möchte ich auch der Verfasserin in der rückblickenden Bewertung von Menschenopfern. Sie werden in der Öffentlichkeit abgelehnt, um nicht die eigene Nation/Gruppe/Organisation durch solche barbarischen Taten zu diffamieren, was natürlich die Geheimhaltung unterstützt.Zu dieser Strategie gehört auch die Arkandisziplin, die verhindert, dass geglaubt werden kann, heute würden in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch Menschenopfer gebracht, die der Strafjustiz unterliegen.

Verdienstvoll greift die Verfasserin die Frage nach dem Sadismus in Gestalt der ritualisierten Gewalt auf. Sie zeigt, wie die Opfer im Ritual nicht vor Schmerzen geschont werden, vielmehr "genießen" die Kultteilnehmenden die Schmerzensschreie, das fließende Blut als Zeichen des Kampfes gegen Satan. Die Opfer überleben durch Dissoziieren, durch Verdrängen der Schmerzen, was als besondere Ich-Leistung und Selbsttranszendierung hochgeschätzt werden kann. Zugleich wird die Macht in der Kultgemeinde vermehrt (vgl. S.210)

.Der Verfasserin ist nur zuzustimmen, wenn sie am Ende ihres Beitrages für weitere Forschungen zum Themenbereich "Satanismus und Religion" plädiert. Sie vermutet zu Recht, dass in der Forschung eher den Tätern als den Opfern geglaubt wird, eine Erfahrung, die sich auch für andere Bereiche sexualisierter Gewalt bestätigen lassen.

Kapitel 4

Zur vertiefenden eigenen Weiterarbeit dienen die folgenden Kapitel. Im 4. Kapitel werden erhobene Daten zur rituellen Gewalt vorgestellt. Zur Auswertung lässt sich noch manche Seminar- oder Examensarbeit vergeben.

Kapitel 5

Das 5. Kapitel bietet ausgezeichnetes Material für die Fortbildung von Betreuenden in den verschiedenen Arbeitsbereichen und Institutionen: "Hilfen zum Umgang mit Kindern aus dem organisierten Verbrechen" (vgl. S.267-274).

Literaturverzeichnis

Das sehr ausführliche und z.T. kommentierte Literaturverzeichnis erweist sich als wahre Fundgrube zur Weiter- und vertiefenden Arbeit.Bei dem angefügten Bildteil (S.337-353) möchte ich auch auf die Interpretationen von Brigitte Hahn verwiesen, die zum Meditieren anregen.

In summa: Dieser Band öffnet vielen die Augen, wenn sie wahrnehmen wollen. Wegsehen geht nicht mehr nach dem Satz: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Ich hoffe und wünsche, dass möglichst vielen beim Lesen die Augen aufgehen mögen.

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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