Wahrnehmen und Erkennen

verfasst von Kristin Smektala

1 Einleitung

Sexualisierte Gewalt hinterlässt bei den meisten der betroffenen Kinder und Jugendlichen Spuren. Je nach Dauer, Häufigkeit und Intensität der sexuellen Gewalterfahrung(en) benötigt der/ die Betroffene einige Tage oder Wochen, meist aber Monate oder Jahre, um das traumatische Ereignis zu verarbeiten. Im folgenden Text werden Auffälligkeiten und Hinweiszeichen beschrieben, die auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder/ Jugendliche hindeuten und zum Erkennen dieser Gewaltform im pädagogischen Alltag beitragen können. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass es kein spezifisches "Missbrauchssyndrom" gibt. Viele der Auffälligkeiten sind unspezifisch und können auch Hinweiszeichen für andere psychische Belastungen sein.

2 Psychische Symptome

Als besonders schwerwiegend und die Betroffenen häufig ein Leben lang begleitend werden die psychischen Folgen der sexualisierten Gewalt beschrieben. Insbesondere der Verlust von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein wirkt sich schwer auf die psychische Konstitution des Jungen/ Mädchens und sein/ ihr weiteres Leben aus. Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle des Opfers können auf die sexualisierten Gewalterfahrungen zurückgeführt werden. Mädchen und Jungen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, beschreiben Gefühle des sich 'schmutzig', erniedrigt und gedemütigt Fühlens und leiden unter dem eigenen Kontrollverlust in der 'Missbrauchssituation'. Mitunter glauben sie, dass sie die Übergriffe selbst verschuldet haben und sehen in ihnen eine 'verdiente Strafe' (vgl. Krieger et al. 2007: 81).

Oftmals verstärken Täter und Täterinnen solche Gedanken und machen Kinder und Jugendliche für weitere Übergriffe gefügig. Das folgende Beispiel zeigt, wie sehr die sexualisierten Gewalterfahrungen das Selbstwertgefühl des Opfers reduzieren und unterschiedliche Lebensbereiche beeinträchtigen können. „Horst, 16 Jahre: „Das sagen die mir alle seit Jahren. Die Lehrer in der Schule, dass ich eigentlich sehr viel mehr leisten könne; meine Erzieherin in der Gruppe, dass ich mir das doch nur einbilde, dass andere mich nicht hübsch finden würden, und die anderen in der Gruppe sagen mir auch immer wieder, ich bin o.k., sie seien gerne mit mir zusammen. Ich weiß das ja alles, aber ich kann nicht dagegen an – (weinend:) Ich komme da nie raus – werd den Mund nie aufkriegen” (Deegener 2010: 92).

Auch leiden Opfer sexualisierter Gewalt häufig unter depressiven Verstimmungen und Traurigkeit. Sie fühlen sich alleingelassen und hilflos und sehen keine Möglichkeit sich selbst aus der Gewaltsituation zu befreien. Sie sind traurig über ihre Situation und enttäuscht über die fehlende Hilfe von außen. Besonders verletzend ist es für sie, wenn ihnen von einer vertrauten Person sexualisierte Gewalt zugefügt wird. Folglich ziehen sich viele Mädchen und Jungen zurück, isolieren sich von ihrem Umfeld und haben Todessehnsüchte und Suizidgedanken (vgl. Krieger et al. 2007: 81; Bange 1994: 41).

In Folge der ihnen widerfahrenen Übergriffe treten bei Kindern und Jugendlichen Angststörungen auf. Aufgrund von Drohungen des Täters/ der Täterin – etwa das Opfer oder eine ihm/ ihr wichtige Person zu verletzen oder umzubringen – entwickelt ein Großteil der Kinder und Jugendlichen massive Ängste. „Carmen, 13 Jahre: Ich hatte im Heim immer panische Angst, mein Vater würde mir irgendwo auflauern. Früher hat er mir oft gesagt: 'Wenn du mich verrätst, bring ich dich um, bevor ich in den Knast komme'”
(Deegener 2010: 89).

Mädchen und Jungen haben Angst erneut sexualisierte Gewalt zu erfahren. Sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt und geholfen wird und dass sie nach der Aufdeckung der sexuellen Übergriffe von ihren Eltern und Geschwistern getrennt werden. Des weiteren haben sie Angst in der Schule von Mitschülern und Mitschülerinnen verspottet und gemieden zu werden. Bei einigen Kindern und Jugendlichen treten plötzliche, panikartige Angstzustände auf, die durch traumatische, mit den Übergriffen in Verbindung zu bringende Reize ausgelöst werden. So zeigen manche von ihnen Furcht vor Menschen, die sie z.B. durch ihre Statur, ihr Aussehen oder ihre Stimme an den Täter oder die Täterin erinnern. Auch kann ein Bart oder ein bestimmter Lippenstift solche Reaktionen hervorrufen. Angstzustände können auch im Zusammenhang mit Situationen oder Räumen auftreten, die das Kind bzw. der/ die Jugendliche an die sexuellen Gewalterfahrungen erinnern (vgl. Bange 1994: 42).

Des weiteren können Vermeidungstendenzen der Betroffenen bei Konfrontation mit den Missbrauchserlebnissen beobachtet werden. So halten sich Opfer, wenn sie mit ihren eigenen sexuellen Gewalterfahrungen konfrontiert werden, die Ohren zu oder verstecken sich unter Stühlen, Tischen etc. Auch geben Eltern an, dass Mädchen und Jungen Angst haben, die Wohnung zu verlassen und Menschen, Situationen und Plätzen meiden, die sie an die sexuellen Gewalterfahrungen erinnern (vgl. Bange 1994: 42).

Vielfach entwickeln Kinder und Jugendliche auch zwanghafte Verhaltensweisen. Durch mehrmaliges tägliches Wechseln der Kleidung oder ständiges Waschen versuchen sie den 'Schmutz' sowie die Scham- und Schuldgefühle abzuwaschen. „Ich habe mich gewaschen und gewaschen. Zweimal zog ich mir am Tag von Kopf bis Fuß saubere Kleidung an. Niemand sollte mir den Dreck ansehen” (Enders 1990: 80). Zwanghafte Verhaltensweisen wie beispielsweise häufiges Zähneputzen oder Händewaschen lassen auf die Art der erlebten sexualisierten Gewalt schließen. „So putzt sich z. B. ein Mädchen bzw. ein Junge übermäßig häufig die Zähne, weil der Täter eine Befriedigung durch den Mund erzwungen hat” (Krieger et al. 2007: 82). Deegener deutet darauf hin, dass einige Opfer Ordnungszwänge entwickeln, um ihr Leben und ihre Gefühle zu 'ordnen'. Durch eine genaue Planung ihres Alltags versuchen Mädchen und Jungen außerdem Situationen, in denen Übergriffe stattfinden könnten, aus dem Weg zu gehen (vgl. Deegener 2010: 102).

Es kann weiterhin beobachtet werden, dass vor allem jüngere Kinder, die sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben in regressive Verhaltensweisen zurück verfallen. So machen sie beispielsweise Rückschritte in der Reinlichkeitserziehung und der Sprachentwicklung, suchen verstärkt Körperkontakt zur Mutter oder äußern das Bedürfnis umsorgt zu werden. Des weiteren belegen Studien, dass in Bezug auf das Rückzugsverhalten ein bedeutender Unterschied zwischen Opfern sexualisierter Gewalt und Kindern und Jugendlichen, die keine sexualisierte Gewalt erlebt haben, festgestellt werden kann. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Kinder und Jugendlichen aufgrund der, durch die sexuellen Übergriffe entstandenen Gefühle wie Enttäuschung, Angst und Misstrauen häufiger zurückziehen und sich von ihrem Umfeld abkapseln. Gründe für den sozialen Rückzug können außerdem sein, dass sich der Junge/ das Mädchen für das Erlebte schämt, er/ sie befürchtet, sich zu 'verplappern', er/ sie Angst davor hat durchschaut zu werden oder auch erneut sexualisierte Gewalt zu erfahren (vgl. Deegener 2010: 96).

3 Körperliche Verletzungen

Im Gegensatz zu physischer Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen hinterlässt sexualisierte Gewalt selten körperliche Verletzungen. Insofern ist nur ein geringer Anteil an Fällen bekannt, bei denen ein Nachweis sexualisierter Gewalt allein aufgrund medizinischer Befunde gelang (vgl. Deegener 2010: 110). Das britische 'Royal College of Physicians' beispielsweise nimmt an, „daß sich bei zwei Dritteln der Kinder, die mit Verdacht auf sexuellen Mißbrauch vorgestellt werden, keine körperlichen Befunde erheben lassen” (Bange/ Deegener 1996: 78). Bei einem Drittel der Kinder können jedoch körperliche Verletzungen auf sexuelle Misshandlungen hinweisen und müssen von Ärzten und Ärztinnen als mögliche Symptome sexualisierter Gewalt wahrgenommen werden. Im Gegenzug ist es ebenso wichtig sich bewusst zu machen, dass auch ein äußerlich unverletztes Mädchen bzw. ein äußerlich unverletzter Junge sexualisierte Gewalt erlebt haben kann.

Physische Verletzungen, die auf sexuelle Kontakte eines Mädchens oder Jungen mit einer anderen Person hinweisen, sind in erster Linie Verletzungen im Genital- und Analbereich. Weiterhin können Blutergüsse sowie Biss- und Schürfwunden an der Innenseite der Oberschenkel, parallele Hämatome auf den Hüften des Kindes oder des/ der Jugendlichen (die vom Herunterdrücken des Opfers bei analen Vergewaltigungen stammen), unerklärliche Blutungen im Genital- und Analbereich oder Fremdkörper in einer der beiden Körperöffnungen auf sexuelle Gewalthandlungen hindeuten. Auch eine Infizierung mit Geschlechtskrankheiten (z.B. Gonorrhoe, Aids) oder die frühe Schwangerschaft eines Mädchens sind mögliche Hinweise für sexuelle Erfahrungen in der Kindheit/ im Jugendalter (vgl. Deegener 2010: 110; Krieger et al. 2007: 79).

Eine ärztliche Untersuchung der von sexualisierter Gewalt betroffenen Person ist sehr wichtig und trägt unter anderem dazu bei, die Verletzungen des Opfers für nachfolgende (gerichtliche) Maßnahmen zu dokumentieren. Weiterhin können in einer Untersuchung Folgeverletzungen und -erkrankungen erkannt sowie eine Schwangerschaft bemerkt werden.

Diagnostik

Um mögliche Hinweise richtig zu deuten ist es wichtig, sich über das Thema Diagnostik zu informieren. Weitere wichtige Informationen zur Diagnostik und zum Verdacht auf sexualisierte Gewalt finden Sie hier.

4 Psychosomatische Symptome

Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden ohne erkennbare, medizinische Ursache bezeichnet. In Verbindung mit sexualisierter Gewalt können psychosomatische Beschwerden wie beispielsweise Kopf-, Magen- und Unterleibsschmerzen als Reaktion des Körpers auf das Erlebte betrachtet werden. Diese körperlichen Leiden werden auch als eine unbewusste Strategie des Opfers, die erlebten sexuellen Erfahrungen zu verarbeiten, beschrieben (vgl. Enders 1990: 77).

Oftmals leiden Kinder und Jugendliche mit sexuellen Gewalterfahrungen unter Schlafstörungen und Alpträumen. Aus Angst vor dem Täter oder der Täterin können sie abends nicht einschlafen oder durchschlafen. Sie fühlen sich, vor allem wenn der Täter oder die Täterin ein Familienmitglied ist, zuhause nicht mehr sicher. Da sie häufig abends oder nachts in ihrem Bett sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren bzw. sind, sind sie vor den Übergriffen des Täters/ der Täterin selbst im eigenen Zimmer nicht geschützt. Die Folge ist, dass diese Kinder und Jugendlichen immer das Gefühl haben 'auf der Hut' sein zu müssen, um dem Täter/ der Täterin entkommen zu können. Aus Angst vor Erinnerungen an die sexuellen Gewalterfahrungen und den damit verbundenen Gefühlen der Wehrlosigkeit und des Ausgeliefertseins vermeiden einige Kinder und Jugendliche ganz bewusst das Einschlafen (vgl. Deegener 2010: 91). Auch am Tag machen sie einen angespannten und wachsamen Eindruck, so als befänden sie sich in ständiger 'Alarmbereitschaft'.

Neben (Ein-)Schlafstörungen und Alpträumen leiden Kinder und Jugendliche mit sexuellen Gewalterfahrungen unter Hauterkrankungen wie beispielsweise Allergien, Neurodermitis oder starker Akne. Enders bezeichnet Ekzeme und Allergien als eine 'Hülle', die den Körper unansehnlich und unattraktiv macht und ihn so vor ungewollten Blicken und Berührungen schützt. So „tragen [Ekzeme und Allergien] dafür Sorge, dass das Kind sich z.B. bekleiden muss und darf und damit z.B. im Schwimmbad nicht mehr den Blicken der Männer ausgesetzt ist” (Enders 1990: 78).

Ebenso können Erstickungsanfälle oder eine übersteigerte Atmung in Verbindung mit sexuellen Gewalterfahrungen auftreten und als psychosomatisch verstanden werden. Deegener bringt die Erstickungsanfälle mit der unmittelbaren Gewaltsituation in Verbindung, in der das Opfer den Täter/ die Täterin oral befriedigen muss oder ihm während der Tat der Mund zugehalten wird.

Weiterhin erklärt er, dass einige Kinder und Jugendliche bei großer Anspannung und Aufregung hyperventilieren. Konflikte und vergangene Erlebnisse können von ihnen nicht verarbeitet werden und führen zu einer inneren Erregung, die sich in körperlichen Symptomen wie z.B. der übersteigerten Atmung äußern. „Margot, 17 Jahre: Sie steht auf dem Stationsflur, schreit laut und voller Angst, wobei sie mit dem Finger von sich wegzeigt und angibt, ihren Missbraucher zu sehen (es steht dort aber keine Person). Sie steigert sich immer weiter in ihre Angst, atmet immer schneller und flacher, wird schwindelig und wird auf ihr Bett gebracht, um sich dort zu beruhigen” (Deegener 2010: 94).

Des weiteren fallen Mädchen und Jungen, die sexualisierte Gewalt erleben, in der Schule durch Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungsabfall auf. Gründe hierfür sind zum einen der nächtliche Schlafmangel und zum anderen die permanente Belastung durch die sexuellen Gewalthandlungen, Geheimnisse und den daraus folgenden (familiären) Konflikten.

Störungen der allgemeinen Entwicklung äußern sich, wenn Kinder und Jugendliche in nicht altersangemessene Verhaltensweisen wie z.B. Einnässen (Enuresis) oder Einkoten (Enkopresis) zurück verfallen. Durch das Einnässen drücken sie nach der Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt (unbewusst) ihre Verunsicherung und Angst aus. Das Einkoten hingegen kann als Versuch betrachtet werden, sexualisierte Gewalt durch den Täter oder die Täterin abzuwehren. Ebenso kann es auch „als Ausdruck verdrängter Aggressionen angesehen werden, d.h. die Wut kommt nur hinten heraus, das Kind zeigt auf indirektem, symbolischem Weg, dass 'etwas stinkt' bzw. 'etwas faul' in der Familie ist” (Deegener 2010: 95).

Neben den bisher genannten Symptomen können auch plötzlich auftretende Sprachstörungen einen Hinweis auf sexuelle Gewalt geben. Wenn ein Kind oder ein(e) Jugendliche(r) stottert, ist es möglich, dass er/ sie für seine/ ihre Missbrauchserlebnisse (noch) keine Worte findet oder aufgrund von Drohungen und Geheimhaltungsdruck einerseits reden möchte, andererseits aber aus Angst vor dem Täter/ der Täterin schweigt. In dieser Situation stellt das Stottern sozusagen einen Kompromiss zwischen etwas – sagen – wollen und gleichzeitigem Verstummen dar (vgl. Deegener 2010: 95).

Insbesondere Mädchen mit sexuellen Gewalterfahrungen entwickeln Störungen des Essverhaltens. In ihrer Kindheit und/ oder Jugend machen sie die Erfahrung, dass ihr Körper von einer anderen Person zu deren sexuellen Bedürfnisbefriedigung benutzt wird. Da die Mädchen erfahren haben, „was es bedeutet in einem weiblichen Körper zu stecken und das nicht ändern zu können” (Enders 1990: 79), versuchen sie durch zwanghaftes Abnehmen ihre körperliche Entwicklung zu stoppen – „Frau sein und Ich sein” ist für sie nicht mehr identisch (vgl. Enders 1990: 79). Ein zweiter Erklärungsansatz betrachtet die Magersucht als eine Möglichkeit, die von dem Täter/ der Täterin 'genommene' Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Besonders häufig erkranken betroffene Mädchen und Jungen auch an Esssucht. Durch die Gewichtszunahme hoffen sie ihren Körper für den Täter/ die Täterin unattraktiv zu machen und ihn/ sie so auf Abstand halten zu können. Andere hingegen versuchen durch eine übermäßige Nahrungsaufnahme ihr Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung zu stillen – sie essen sozusagen „gegen das Loch in ihrem Bauch an” (Enders 1990: 79).

Als psychosomatische Erkrankungen werden des weiteren vaginale Blutungen, die in Folge der sexualisierten Gewalt sogar bereits bei jungen Mädchen auftreten sowie Menstruations- und Hormonbeschwerden bezeichnet (vgl. Krieger et al. 2007: 80f.).

5 Auffälligkeiten im Sexualverhalten

Sexualisierte Gewalterfahrungen in der Kindheit und im Jugendalter wirken sich unmittelbar auf das Verhalten und Empfinden der Betroffenen aus. Insbesondere Kleinkinder haben häufig ein ausgeprägtes Interesse an Sexualität und fallen durch ein auffälliges Sexualverhalten auf. So spielen sie beispielsweise die erlebten sexuellen Handlungen mit anderen Kindern oder Puppen nach, interessieren sich sehr für Doktorspiele, befriedigen sich selbst ungehemmt in der Öffentlichkeit oder sprechen in einer altersuntypischen sexualisierten Sprache. „Peter, 4 Jahre, greift im Kindergarten den Erzieherinnen an Brust und Po. Er kriecht unter die Bänke, um bei Mädchen an den Scheidenbereich zu fassen oder daran zu riechen. Er zwingt andere Mädchen, mit ihm im Spielhaus auf dem Spielplatz zu 'bumsen', und bedroht sie, damit sie ihn nicht verraten”(Deegener 2010: 103).

Auch die Ergebnisse einer Reihe von Studien bestätigen, dass Kinder, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, häufiger als andere sexualisiertes Verhalten zeigen. Es wird angenommen, dass Kinder und Jugendliche dieses Verhalten zeigen, da sie zum einen die Erfahrung gemacht haben über sexuelle Handlungen Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung zu bekommen. Zum anderen stellt ihr altersunangemessenes Sexualverhalten einen Versuch dar, das Erlebte zu verarbeiten (vgl. Brockhaus/ Kolshorn 1993: 157).

Ebenso kann beobachtet werden, dass Mädchen und Jungen ihre Gefühle und Erfahrungen mithilfe von sexualisierten Zeichnungen ausdrücken. So malen sie beispielsweise Personen mit einem auffallend großen Penis oder zeichnen Strichmännchen, die nur mit einem Penis abgebildet sind (vgl. Deegener 2010: 103).

Als besonders problematisch wird der kindliche oder jugendliche Versuch gesehen, Zuneigung und Aufmerksamkeit durch sexualisiertes Verhalten zu erlangen. Deegener weist auf die Gefahr hin, dass andere „Jugendliche oder Erwachsene dieses sexualisierte Verhalten in ihrem Sinne umdeuten und sich aufgefordert fühlen: 'Sie hat es ja selbst gewollt und mich gereizt'” (Deegener 2010: 104). Aufgrund der Erfahrung, (nur) über Sexualität Zuwendung und Anerkennung zu erhalten, ist es möglich, dass sich der/ die Betroffene später unbewusst – in der Annahme seine/ ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen – in eine Opferrolle begibt und erneut sexualisierte Gewalt erlebt (vgl. Deegener 2010: 104). So kann auch beobachtet werden, dass sich von sexualisierter Gewalt betroffene Jugendliche (insbesondere Mädchen) 'verführerisch' kleiden und verhalten, früh sexuelle Beziehungen eingehen und häufig wechselnde Sexualpartner haben (vgl. Brockhaus/ Kolshorn 1993: 157).

6 Auffälligkeiten im Sozialverhalten

Sexualisierte Gewalt kann zur Folge haben, dass betroffene Kinder und Jugendliche auffällige Verhaltensweisen im sozialen Bereich entwickeln. Das Weglaufen von zu Hause ist insbesondere bei Mädchen zu beobachten. Durch das Verlassen des Elternhauses für einige Stunden, Tage oder sogar Monate gehen betroffene Mädchen und Jungen erneuten intrafamiliären sexuellen Übergriffen aus dem Weg und flüchten vor der allgemeinen, für sie häufig unerträglichen familiären Lebenssituation.

Eine weitere Möglichkeit den innerfamiliaren sexuellen Gewalthandlungen aus dem Weg zu gehen, sehen Kinder und Jugendliche darin, möglichst viel Zeit in der Schule, bei Freunden oder in der Stadt zu verbringen. So sind sie in der Schule morgens oft die Ersten, die kommen und die letzten die nachmittags wieder nach Hause gehen (vgl. Deegener 2010: 99).

Eine andere Form der Auffälligkeiten im Sozialverhalten stellt das aggressive Verhalten der von sexualisierter Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen dar. Insbesondere Jungen nutzen Aggressionen, um ihre eigene 'Schwäche' und Machtlosigkeit, die sie während der sexuellen Gewalthandlung(en) empfinden, zu verbergen. Sie überwinden die gegenüber dem Täter/ der Täterin empfundenen Hass- und Ohnmachtsgefühle, indem sie sich mit Schwächeren prügeln oder sogar selbst die Täterrolle einnehmen (vgl. Bange 1994: 43ff.).

Ebenfalls zeigen die von sexualisierter Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen höhere Tendenzen zu delinquentem Verhalten.

Es kann zusammengefasst werden, dass Jungen auf sexuelle Gewalthandlungen tendenziell mit nach außen gerichteten Verhaltensweisen reagieren, wohingegen Mädchen ihre Gefühle eher nach innen, d.h. gegen sich selbst richten. Sie zeigen häufiger autoaggressive Verhaltensweisen mithilfe derer sie sich selbst bestrafen und ihre Schuld- und Wutgefühle bewältigen oder aber auf sich und ihre Situation aufmerksam machen wollen (vgl. Gutjahr/ Schrader 1991/92: 108). Mädchen und Jungen geben an, durch ihr autoaggressives Verhalten (Haare ausreißen, Ausdrücken von Zigaretten auf dem Körper, etc.) Gefühle der inneren Anspannung abzubauen und so die innere Leere aushalten zu können. Auch äußern Opfer sexualisierter Gewalt Suizidgedanken oder versuchen sich das Leben zu nehmen. Bange zufolge fallen betroffene Mädchen und Jungen vielfach durch Schulprobleme auf. Sie reagieren auf die sexuellen Gewalterfahrungen mit Leistungsverweigerung oder überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft. Ein Motiv für extreme Leistungsbereitschaft ist, dass die Betroffenen in der Schule geschützt sind und sich angstfrei entfalten können. Ein zweiter Grund ist, dass die für ihre guten schulischen Leistungen erhaltene Anerkennung Kinder und Jugendliche stärkt und ihnen hilft, mit den sexuellen Übergriffen zurecht zu kommen. Der dritte Grund, der einige Kinder und Jugendliche zu extremer Leistungsbereitschaft antreibt, ist der, dass die von innerfamiliarer sexualisierter Gewalt Betroffenen möglichst schnell einen Beruf erlernen möchten, um selbstständig sein zu können (vgl. Bange 1994: 43f.).

7 Auswirkungen sexualisierter Gewalt in Abhängigkeit von Lebensphasen

Bei Betrachtung der oben genannten Auffälligkeiten und Hinweiszeichen stellt sich die Frage, ob bestimmte Symptome und Folgestörungen in einzelnen Lebensphasen der Betroffenen häufiger als andere auftreten.

Engfer geht davon aus, dass die Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen altersabhängig sind. Vorschulkinder im Alter von null bis sechs Jahren leiden vor allem unter Ängsten und Alpträumen. Sie zeigen regressive Verhaltensweisen (z.B. Rückschritte in der Reinlichkeitserziehung oder Sprachentwicklung) oder internalisierendes (z.B. Unsicherheit, sozialer Rückzug) sowie sexualisiertes Verhalten (vgl. Engfer (o.J.): 17). Ähnliche Auffälligkeiten konnte Deegener bei betroffenen Kindern in dieser Lebensphase beobachten. Er unterteilt allerdings die Altersgruppe der null bis sechs Jährigen nochmals in die frühe Kindheit (null bis drei Jahre) und das Vorschulalter (drei bis sechs Jahre) und stellt jeweils unterschiedliche altersabhängige Folgestörungen fest. Demnach reagieren Kleinstkinder eher ganzheitlich auf sexuelle Gewalterfahrungen (allgemeine Angst, Verwirrung, etc.), wohingegen Kinder im Vorschulalter eher regressive Verhaltensweisen zeigen, altersunangemessene sexualisierte Spiele spielen oder sich wiederholt öffentlich selbst befriedigen.

Weiterhin benennt Deegener Auffälligkeiten, die immer wieder bei Kindern im Grundschulalter (sechs bis neun Jahre) zu beobachten sind. Als typische Folgen für diese Lebensphase werden somatische Beschwerden, Schulprobleme sowie Schlaf- und Essstörungen beschrieben. Ebenso treten zwanghafte Verhaltensweisen wie z. B. häufiges Waschen oder Baden auf. Auch ist zu beobachten, dass sechs bis neun Jährige sexuelle Handlungen im Spiel mit anderen Kindern nachahmen und im Allgemeinen sexuell provozierend auftreten.

Im Alter von neun bis dreizehn Jahren ziehen sich die betroffenen Kinder und Jugendlichen zurück, sind verschlossen und/ oder depressiv (vgl. Deegener 2010: 108f.).

Als besonders problematisch bewertet Engfer die Belastungen im Jugendalter (dreizehn bis achtzehn Jahre). In dieser Zeit entwickeln Jugendliche Folgestörungen wie beispielsweise Depressionen, Essstörungen, Schlafstörungen etc. Ebenfalls haben sie Suizidgedanken, konsumieren häufig Alkohol und Drogen und ziehen sich zurück (vgl. Engfer (o.J.): 17). Bei Betrachtung des Zusammenhangs von Folgestörungen und ihrem Auftreten in bestimmten Lebensphasen können nur wenige geschlechtsspezifische Unterschiede festgestellt werden. Dies ist u.a. insofern verwunderlich, als dass Jungen und Mädchen auf unterschiedliche Art und Weise sowie von unterschiedlichen Tätern und Täterinnen (Familienangehörige bzw. Fremdtäter/Fremtäterinnen) missbraucht werden und die Jungen darüber hinaus häufiger mit dem Thema Homosexualität konfrontiert werden. Trotz dieser Unterschiede entwickeln Jungen und Mädchen ähnliche Auffälligkeiten und Folgestörungen in bestimmten Lebensphasen (vgl. Deegener 2010: 109f.; Bange 1994: 146).

8 Literatur

Bange, Dirk (1994): Die dunkle Seite der Kindheit. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Ausmaß – Hintergründe – Folgen. 2. überarbeitete Auflage. Köln: Volksblatt Verlag.

Brockhaus, Ulrike/ Kolshorn, Maren (1993): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Mythen, Fakten, Theorien. Frankfurt/ Main: Campus Verlag GmbH.

Deegener, Günther (2010): Kindesmissbrauch. Erkennen – helfen – vorbeugen. 5. komplett überarbeitete Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Enders, Ursula (Hrsg.) (1990): Zart war ich, bitter war's. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten. Köln: Kölner Volksblatt Verlag.

Engfer, Anette (o.J.): Formen der Misshandlung von Kindern – Definitionen, Häufigkeiten, Erklärungsansätze. In: Egle, Ulrich Tiber/ Hoffmann, Sven Olaf/ Joraschky, Peter (2005): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. 3. vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Schattauer GmbH. S. 3-19.

Gutjahr, Karin/ Schrader, Anke (1991/93): Sexueller Mädchenmißbrauch. Ursachen, Erscheinungen, Folgewirkungen und Interventionsmöglichkeiten. 2. Auflage. Köln: PapyRossa Verlag.

Krieger, Wolfgang/ Lang, Anita/ Meßmer, Simone/ Osthoff, Ralf (2007): Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch im Aufgabenbereich der öffentlichen Träger der Jugendhilfe. Eine Einführung. Stuttgart: ibidem-Verlag.

Smektala, Kristin (2012): Darstellung der körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention. Unveröffentlichte Masterarbeit. Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

Autorin

  • Kristin Smektala

    Kristin Smektala ist hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention beschäftigt.

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Buchtipp

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Wo finde ich Hilfe in meiner Region? Eine Datenbank mit Adress- und Anlaufstellen finden Sie hier.

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Bathke, S. et al. (2014): Arbeitshilfe zur Umsetzung des Kinderschutzes in der Schule. Hier geht es u.a. um folgende Fragen: Was kann und muss Schule bei einem Verdacht unternehmen? Wie dokumentiere ich einen Fall? Wie spreche ich mit den Eltern?
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Leitfaden

Wie verhalte ich mich als Lehrkraft bei Kindeswohl- gefährdung durch sexuellen Missbrauch? Ein Leitfaden der Bezirksregierung Düsseldorf (2011).
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Broschüre

Sexuelle Übergriffe in der Schule. Neu- auflage 2010. Ein Leitfaden für Schulleitungen, Schulaufsicht und Kollegien zur Wahrung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts von Schülerinnen und Schülern. zum Leitfaden