Umgang mit Verdachtsfällen

1 Verfahrensschritte im Umgang mit sexualisierter Gewalt

1.1 Phase des vagen Verdachtes, der Wahrnehmung und Beobachtung

  • erster Schritt: Persönliche Checkliste erstellen
  • zweiter Schritt: Teamarbeit oder kollegiale Beratung (z. B. im Rahmen einer Lehrerkonferenz)
  • dritter Schritt: Einbezug des/der Vorgesetzten
  • vierter Schritt: Einbezug externer Beratung, z.B. Fachberatungsstellen

1.2 Phase der Klärung des Verdachtes

  • fünfter Schritt: wenn möglich Aufklärung des Verdachtes mit Kind (Gespräch) sowie Einbezug der Eltern (wenn diese nicht am sexuellen Missbrauch beteiligt sind bzw. wenn anzunehmen ist, dass das nicht-missbrauchende Elternteil das Kind unterstützt)
  • sechster Schritt: Hilfeplanung (multiprofessionelle Kooperation aller mit dem Kind in Verbindung stehender Institutionen)

1.3 Phase der Intervention

  • siebter Schritt: Fallkonferenzen (bisherige Ergebnisse zusammentragen und geeignete Hilfen formulieren, Einbeziehung der Eltern, wenn nicht schon im vierten Schritt geschehen)
  • achter Schritt: individuelle Hilfeplanung für alle betroffenen Personen während des gesamten Prozesses:

    • Dokumentation aller Fakten, Hinweise, Einschätzungen sowie Aussagen des Kindes, der Erziehungsberechtigten u.a.
    • Kontakt zum Kind/ Jugendlichen intensivieren; als Ansprechpartner/Ansprechpartnerin zur Verfügung stehen
    • (evtl. Einheiten zur Sexualerziehung bzw. Präventionsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt in den Schulunterricht integrieren)
    • Vermittlung von Sicherheit; Beachtung des Nähe-Distanz Verhältnisses – z.B. keine Berührungen ohne zu fragen; dem Kind/Jugendlichen vermitteln, dass es/ er keine Schuld hat, sondern die Verantwortung beim Täter oder der Täterin liegt

Der fachliche Umgang mit sexuellen Übergriffen ist eine Frage des Kinderschutzes, der allen Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Einrichtungen zusteht. Eltern dürfen erwarten, dass Schulleitung und Lehrkräfte fachlich angemessen damit umgehen.

Verdachtsmomente

Die Diagnose beginnt mit der sorgfältigen Bewertung der Verdachtsmomente. Lesen Sie hier weiter, um mehr über das Erkennen von sexualisierter Gewalt zu erfahren.

2 Handlungsempfehlungen

Hinweise auf mögliche Verdachtsmomente sollten ernst genommen werden und es sollte ihnen nachgehen werden. Dabei ist es wichtig, überlegt zu handeln und Ruhe zu bewahren, denn überstürztes Eingreifen kann dem Kind noch mehr schaden und langfristige Lösungswege verhindern.

Holen Sie sich Unterstützung!

Zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung haben Lehrkräfte Rechtsanspruch auf eine Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft. Erfahren Sie mehr darüber, was das Bundeskinderschutzgesetz zur Informationsweitergabe bei Kindeswohlgefährdung sagt.

2.1 Handlungsempfehlungen bei einem Verdacht

  • Mit einer Kollegin/einem Kollegen oder einer Vertrauensperson über den Verdacht sprechen, ggf. die Schulleitung einbeziehen.
  • Hinweise auf den sexuellen Missbrauch sollten notiert werden (beispielsweise indem ein Tagebuch über die Verhaltensweisen und Aussagen des Kindes geführt wird).
  • Den Kontakt zum Kind vorsichtig intensivieren, um eine positive Beziehung herzustellen.
  • In der Gruppe/Klasse das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und das Thema "sexueller Missbrauch" vorsichtig ansprechen und damit signalisieren: "Ich weiß, dass es sexuellen Missbrauch gibt...; Mit mir kannst du darüber reden...; Ich glaube betroffenen Mädchen und Jungen."
  • Eine Beratungsstelle einschalten; sich selbst mit Informationen versorgen. In vielen Schulen existieren bereits konkrete Handlungspläne und Kooperationen mit lokalen Einrichtungen (Jugendamt, Kinderschutzbund, etc.). 
  • Wenn möglich, den Kontakt zur Bezugsperson des Kindes intensivieren, um die Belastbarkeit dieser Person besser einschätzen zu können.

2.2 Handlungsempfehlungen bei einem bestätigten Verdacht

Bestätigt sich der Verdacht sollten folgende Aspekte beachtet werden:

  • Wichtig ist es, dass Kind zu beruhigen und zu unterstützen. Lehrerinnen und Lehrer sind wichtige Vertrauenspersonen von Kindern und Jugendlichen. Zuhören und Hilfe zusichern sind wichtige Schritte, die das Opfer unterstützen.

    • Dabei sollte das Kind/der Jugendliche nicht zum Reden gedrängt werden. Vielmehr ist es wichtig, eine Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.
    • Dem Kind sollte deutlich gemacht werden, dass die Verantwortung für den sexuellen Missbrauch immer beim Täter/der Täterin liegt. Dem Kind glauben! Kinder lügen in der Regel nicht, wenn sie von erlittener sexualisierter Gewalt erzählen.
    • Dem Kind vermitteln, dass es nicht alleine ist und es vielen Kindern so geht. Das eigene Wissen über Missbrauch z. T. zur Verfügung stellen, um ‚Normalität' herzustellen, jedoch keinesfalls die Situation des Kindes verharmlosen.
    • Selbst das ‚Redeverbot' ansprechen und damit die explizite Erlaubnis zum Aussprechen geben.
    • Vertrauensschutz geben; nicht gegen den Willen und ohne die Zustimmung des Kindes handeln. Versprechen Sie nicht mehr, als sie halten können. Sie können in die Situation kommen, eine Entscheidung zum Schutz des Kindes/Jugendlichen treffen zu müssen. Das Versprechen, niemandem von ihrem Gespräch zu erzählen, lässt sich oft nicht einhalten. Ein Schweigegebot, das Sie dem Kind/dem Jugendlichen geben, kann zur Handlungsunfähigkeit führen. Versichern Sie aber der betroffenen Person, dass Sie sie über jeden Handlungsschritt informieren und nichts über ihren Kopf hinweg unternehmen.
    • Verständnis für das Kind/den Jugendlichen und seine Situation entgegen bringen, auch seinen ambivalenten Gefühlen dem Täter/der Täterin gegenüber.

  • Beistand und Beratung für die nächste Zeit bereitstellen, ggf. durch Schulpsychologen, Beratungsstellen oder andere, externe Fachleute. Lehrerinnen und Lehrer sollten von ihrem Recht auf eine professionelle Beratung Gebrauch machen. Nach dem Bundeskinderschutzgesetz haben Lehrerinnen und Lehrer bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung im Einzelfall Anspruch auf eine Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft beim örtlichen Träger der Jugendhilfe.
  • Helfer/innenkonferenz anstreben, damit alle, die Kontakte zu der Familie haben, gemeinsam eine Strategie absprechen können.
  • Im Einvernehmen mit dem Opfer die Erziehungsberechtigten informieren, wenn dadurch nicht der Schutz des Kindes/Jugendlichen in Frage gestellt wird. Zu welchem Zeitpunkt Erziehungsberechtigte in den Hilfeprozess mit einbezogen werden, hängt dabei von unterschiedlichen Faktoren ab (z.B. Wie konkret ist der Verdacht? Gegen wen richtet sich der Verdacht? Welche Rolle nehmen die Erziehungsberechtigten ein? Wie ist ihre Beziehung zum Kind/ Jugendlichen?).
  • Es ist wichtig, das Opfer in seinen Wünschen und Bedürfnissen ernst zu nehmen. Niemals einen Missbrauchsverdacht offen legen, ehe eine räumliche Trennung von Opfer und Täter/Täterin vorbereitet und möglich ist bzw. es eine erwachsene Person gibt, die sich deutlich auf die Seite des Opfers stellt. Es ist wichtig zu wissen, dass das Bekanntwerden der sexuellen Gewalthandlungen bei sexuellen Übergriffen durch Familienangehörige für das Kind bzw. den Jugendlichen existenziell bedrohlich sein kann. Einerseits wünschen sich Kinder und Jugendliche zwar, dass die sexuellen Übergriffe aufhören, andererseits müssen sie dann mit einer Trennung von der Familie bzw. von Zuhause rechnen.
  • Bei sexuellen Übergriffen zwischen Kindern und Jugendlichen benötigt das übergriffige, genau wie das betroffene Kind Hilfe. Wichtig ist es, Täter/Täterinnen und Opfer voneinander zu trennen und getrennt zu befragen. Führen Sie keine Konfrontationen herbei.
  • Vor allem bei einer Lehrkraft als Tatverdächtige/Tatverdächtiger sollte die Schulaufsicht durch die Schulleitung informiert werden.
  • Kontakt zur Polizei sollte ggf. nach Absprache mit dem Opfer aufgenommen werden.
  • Nachsorge/Aufarbeitung! Aufklärend fungieren und dem Entstehen von Gerüchten entgegenwirken.

    • Nachhaltige Unterstützung des Opfers durch Lehrkräfte, ggf. Mitschüler/innen oder Psycholog/innen sichern.
    • Verbesserung der Präventionsarbeit zum Thema in der Schule veranlassen.
    • Ggf. Fortbildungen für die Lehrkräfte, Informationsabende für die Eltern und Projekte für die Schüler organisieren sowie geschlechtsspezifische und muttersprachliche Beratungs- und Hilfsangebote für die Betroffenen anbieten.

  • Ein wichtiger Grundsatz bei der Interventionsarbeit ist es, die eigenen Gefühle zu realisieren und eigene Grenzen zu akzeptieren.

Das Verstehen und Überblicken des gesamten Hilfeprozesses ist Grundlage für wirksames Handeln.
(vgl. Koch/Kruck 2000, S. 69f., vgl. Wirtz-Weinrich in: Ulonska/ Koch 1997, S.126ff., vgl. Perner 2010, S. 24ff.)

3 Leitfaden für pädagogische Fachkräfte im Umgang mit sexuellen Übergriffen unter Jugendlichen

Zartbitter Münster e.V., die Ärztliche Kinderschutzambulanz Münster und der deutsche Kinderschutzbund Münster haben einen Leitfaden für pädagogische Fachkräfte in der Jugendhilfe entwickelt, der folgende Situationen thematisiert:

  • Ein betroffener Jugendlicher wendet sich an Sie als Pädagoge/Pädagogin
  • Die Übergriffige Situation wird unmittelbar beobachtet
  • Sexuelle Übergriffe werden durch die Schilderungen eines Jugendlichen den Pädagoginnen und Pädagogen bekannt

Der Leitfaden geht situationsspezifisch auf das Gespräch mit dem betroffenen Jugendlichen, die Einschätzung der Situation im Team, das Gespräch mit dem übergriffigen Jugendlichen, das Gespräch mit den Eltern des betroffenen Jugendlichen, das Gespräch mit den Eltern des übergriffigen Jugendlichen, den Austausch im Team und das Einschalten einer Fachberatungsstelle ein.

Den Leitfaden können Sie hier einsehen.

4 Literatur

Behörde für Soziales und Familie. Amt für Familie, Jugend und Sozialordnung. Jugend- und Familienförderung -FS 225: Handlungsorientierungen für die Intervention bei sexuellem Missbrauch. Empfehlungen für die Praxis der Jugendhilfe. Hamburg, 2003.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Mutig fragen- besonnen handeln. Informationen für Mütter und Väter zum sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. 4. Auflage, 2008.

Koch, Helmut; Kruck, Marlene: "Ich werd´s trotzdem weitersagen!". Lit Verlag Münster, 2000.

Perner, Achim: In einer Sondersituation das Richtige tun. Zum Umgang mit Grenzverletzungen in der Schule. In: Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Beilage SCHULE NRW. Hinsehen und Handeln. Lernende Schule. Heft 51, 2010, S. 25-27.

Smektala, Kristin: Darstellung der körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention. Unveröffentlichte Masterarbeit. Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 2012.

Wirtz-Weinrich, Wilma: Interventionsmöglichkeiten bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch an Kindern der Grundschule. In: Ulonska, Herbert; Koch, Helmut (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Ein Thema der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 1997, S. 113-130.

Autorin

  • Kristin Smektala

    Kristin Smektala ist hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention beschäftigt.

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Qualitätskriterien für Intervention

Informationen zu Qualitätskriterien für die Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen finden Sie auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachläsigung e.V. (DGfPI)

Buchtipp

Wittmann, Anna Julia (2015): Kinder mit sexuellen Miss- brauchserfahrungen stabi- lisieren: Handlungssicherheit für den pädagogischen Alltag. Reinhardt Verlag.

Buchtipp

Fegert, Jörg M. et al. (2014): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Ein Handbuch zur Prävention und Intervention

Arbeitshilfe

Bathke, S. et al. (2014): Arbeitshilfe zur Umsetzung des Kinderschutzes in der Schule. Hier geht es u.a. um folgende Fragen: Was kann und muss Schule bei einem Verdacht unternehmen? Wie dokumentiere ich einen Fall? Wie spreche ich mit den Eltern?
zur Arbeitshilfe

Leitfaden

Wie verhalte ich mich als Lehrkraft bei Kindeswohl- gefährdung durch sexuellen Missbrauch? Ein Leitfaden der Bezirksregierung Düsseldorf (2011).
zum Leitfaden