Aufdecken

verfasst von Dr. Peter Mosser

1 Aufdeckung sexualisierter Gewalt

Der Zwang zur Geheimhaltung ist eine grundlegende Begleiterscheinung sexuellen Missbrauchs. Die meisten Taten geschehen hinter verschlossenen Türen, die Opfer schweigen. Die Geheimhaltung kann viele Formen annehmen. Sie muss nicht allein auf die Täter-Opfer-Beziehung im engeren Sinne beschränkt sein, sondern sie kann sich auch um (teil-)familiäre Systeme gruppieren oder um Menschen, denen sich betroffene Kinder anvertrauen und die sich nicht imstande sehen zu helfen.

Insbesondere Jungen laufen Gefahr, dass die von ihnen gesendeten Signale nicht verstanden werden und sich ihre soziale Umwelt in einer Komplizenschaft der Geheimhaltung verwickelt. Nach derzeitigem Stand der Forschung werden nur etwa 35 – 45 % der Fälle von sexuellen Missbrauch noch im Verlauf der Kindheit/der Adoleszenz des Opfers aufgedeckt (London et al., 2005).
Zwei Drittel der Betroffenen finden – wenn überhaupt – erst im Erwachsenenalter eine Gelegenheit, sich bezüglich ihrer sexuellen Gewalterfahrung ihren Mitmenschen gegenüber anzuvertrauen.

Wir wissen noch sehr wenig über Aufdeckungslatenzen, also die Zeitintervalle zwischen dem Beginn des Missbrauchs und seiner Aufdeckung. Die verfügbaren Quellen weisen allerdings darauf hin, dass Aufdeckungslatenzen von mehreren Jahren eher die Regel als die Ausnahme darstellen (z.B. Sjöberg & Lindblad, 2002; Roesler & Wind, 1994). Der Imperativ der Geheimhaltung gilt also auch noch lange nach Beendigung der sexuellen Misshandlungen und entfaltet seine Wirkung in Form einer Vielzahl von Folgebelastungen, unter denen die Betroffenen leiden (Erschöpfungsverläufe, siehe Mosser, 2009a).

Quantitative Studien weisen tendenziell darauf hin, dass die Aufdeckungsraten bei männlichen Opfern noch niedriger sind als bei betroffenen Mädchen. Qualitative Untersuchungen legen eine Vielzahl von Schwellen frei, mit denen sich Jungen im Hinblick auf eine mögliche Aufdeckung konfrontiert sehen. Diese Schwellen haben mit verzerrten Wahrnehmungen seitens der Jungen, mit ihrer Angst vor negativen sozialen Konsequenzen und einer verringerten Wahrnehmungsbereitschaft ihres sozialen Umfelds zu tun.

Es wäre allerdings unangemessen, das Geschlecht als isolierten Faktor zu betrachten, der per se die Aufdeckungswahrscheinlichkeit beeinflusst. Die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs muss vielmehr als hochkomplexer Prozess verstanden werden, in dessen Verlauf viele Komponenten miteinander interagieren (Goodman-Brown et al., 2003; Alaggia, 2004).

So muss zum Beispiel berücksichtigt werden, dass mit zunehmendem Alter der betroffenen Kinder geschlechtstypische Sozialisationsmuster ihre Wirkung mehr und mehr entfalten. Dadurch werden betroffenen Jungen mögliche soziale Konsequenzen einer Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs zunehmend bewusster (z.B. Angst vor Schuldvorwürfen, Homosexualitätszuschreibungen oder Bedrohung subjektiver Männlichkeitsideale). Reinhart (1987) prägte einen für Jungen typischen Aufdeckungsstil, den er als unintentional disclosure with confirmation (unbeabsichtigte Aufdeckung mit Bestätigung) bezeichnete. Ein solcher Verlauf konnte in neueren Untersuchungen bestätigt werden (Mosser, 2009a).

Er verweist darauf, dass Jungen, vermutlich noch mehr als Mädchen, darauf angewiesen sind, dass andere Personen die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs aktiv vorantreiben. Aufdeckungsprozesse bedürfen tragfähiger Bündnisse zwischen dem betroffenen Kind und zumindest einer erwachsenen Bezugsperson (z.B. nicht missbrauchender Elternteil). Solche „Krisendyaden“ müssen - zumindest für eine bestimmte Zeit – über die Fähigkeit verfügen, miteinander durch „dick und dünn“ zu gehen. Dadurch wird das Risiko vermindert, dass betroffene Jungen ihre Offenlegung widerrufen oder im Rahmen der Aufdeckungskrise erneut traumatisiert werden. Es ist damit zu rechnen, dass Aufdeckungsprozesse in dosierter Form verlaufen, weil sie sich in einem Spannungsfeld zwischen Geheimhaltung und Offenlegung, zwischen Schweigen und Sprechen, zwischen Rückzug und Bindung abspielen.

Aus all dem ergeben sich für erwachsene Bezugspersonen zwei konkrete Handlungsaufträge: Erstens aufmerksam zu sein für Gefährdungen und Belastungen von Jungen. Und zweitens eine zuverlässige emotionale Begleitung während der Phase der Aufdeckung zu bieten.

1.1 Ambivalente Struktur der Hilfe

Die ambivalente Struktur des Aufdeckungsprozesses setzt sich häufig dann fort, wenn es darum geht, Jungen Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Opfererfahrungen zukommen zu lassen. Jungen sind von dem Risiko bedroht, die Inanspruchnahme von Hilfe als gegenläufig zu geschlechtstypischen Sozialisationsanforderungen zu erleben:

Wer sich helfen lassen muss, ist ein Verlierer, ein Weichei, ein Schwuler. Vor diesem Hintergrund sind Hilfekonzepte zu entwickeln, die sich intensiv mit der Frage ihrer Zugänglichkeit auseinandersetzen müssen (Boehme, 2004; Mosser, 2003). Einrichtungen, die als Anlaufstelle für sexuell misshandelte Jungen fungieren wollen, müssen gleichzeitig sowohl hoch spezialisiert als auch nach allen Seiten offen sein. Die Spezialisierung bezieht sich dabei auf die genaue Kenntnis geschlechtstypischer Gefährdungen, Erlebensmuster und Bewältigungsstrategien und auf die Entwicklung entsprechend passgenauer Angebote. Offenheit meint einerseits die Eröffnung vielfältiger Handlungsoptionen in regionalen Hilfenetzwerken andererseits aber auch Themen- und Methodenoffenheit in der konkreten beraterischen, pädagogischen und psychologischen Arbeit mit betroffenen Jungen.

Sexuell misshandelte Jungen sind vom Hilfesystem nur mit Vielfalt zu erreichen: Vielfalt der Zugangswege, Vielfalt der Methoden, Vielfalt potentiell hilfreicher Kontakte. Hilfen müssen also extrem beweglich sein und sich auch auf die Bedürfnisse derer einstellen, die den steinigen Weg der Jungen ins Hilfesystem zu ebnen versuchen: Dies sind vor allem Eltern(teile), Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und Lehrkräfte. Die Hilfe für betroffene Jungen ist zumeist kein isoliertes Geschehen im Therapiezimmer. Sie ist vielmehr ein gemeinsames Projekt vieler beteiligter Akteure (Eltern, Jugendamt, Fachstelle, Schule, gegebenenfalls Ermittlungsbehörden, Rechtsanwälte,…), die in zuverlässiger und vertrauensvoller Weise zusammenarbeiten müssen.

Dabei ist es wichtig, dass die sich im individuellen Fall konstituierende Fachöffentlichkeit in der Wahrnehmung des Jungen im Hintergrund bleibt. Er selbst benötigt lediglich ein, zwei stabile Begleiter/innen, die ihm auf seinem individuellen Weg aus dem Dunkelfeld zur Seite stehen.

1.2 Erhöhte Sensibilität gegenüber Jungen

Es gibt bekanntlich kein einheitliches Symptombild, das die Identifikation einer Betroffenheit von sexualisierter Gewalt nahelegt. Die Bewältigungsversuche nach erlebter sexualisierter Gewalt sind so vielfältig wie die Jungen selbst. Wichtig ist, dass bei der Wahrnehmung dessen, was Jungen zeigen, die Möglichkeit zugrunde liegender Belastungen mitgedacht wird (Mosser, 2009b).
Was ist mit einem Jungen los, der sich zurückzieht, der immer stiller wird, der sich zunehmend aggressiv verhält, der sich einer sexualisierten Sprache bemächtigt? Es muss in Betracht gezogen werden, dass all diese Verhaltensweisen Signalcharakter haben können.

Jungen befinden sich in ihrem Bewältigungsverhalten in einem Dilemma: Ziehen sie sich zurück, so fallen sie nicht weiter auf. Agieren sie ihre Belastungen offensiv aus, so werden sie als Störer, Provokateure, eben als „schwierige Jungs“ gesehen und entsprechend behandelt. Die Tragik dieses Bewältigungsverhaltens besteht darin, dass die Jungen nicht annähernd das bekommen, was sie brauchen: Statt Zuwendung und Beziehung wird von Seiten der Erwachsenen mit Sanktionen und Abwertung reagiert.
Solange sowohl die Jungen als auch die Erwachsenen in geschlechtstypischen Wahrnehmungsschemata gefangen bleiben, kann kein hilfreicher Kontakt aufgebaut werden. Es ist unabdingbar, dass auffälliges Verhalten so früh wie möglich als Bewältigungshandeln interpretiert wird und zugrunde liegende Belastungen aufgespürt werden.

1.3 Täter-Opfer-Polarisierung

Gegenwärtig lässt sich ein deutlicher Trend erkennen, wonach Einrichtungen für jugendliche Sexualtäter offensiv gefördert werden. Eine Sozialplanung, die Opferhilfeeinrichtungen vor allem für Mädchen und Frauen vorsieht und Täterhilfe auf eine ausschließlich männliche Klientel ausrichtet, läuft Gefahr, stereotype Annahmen über das Geschlechterverhältnis zu reproduzieren und somit bestimmte Risikogruppen aus dem Hilfesystem auszuschließen.
Politisch scheint man derzeit vor allem daran interessiert zu sein, Gewaltphänomene durch gezielte Arbeit mit Tätern in den Griff bekommen zu wollen. Die Entwicklung spezieller Täterprogramme im Sinne der Rückfallprophylaxe ist sicherlich sinnvoll. Allerdings sollte die Konzentration auf solche Maßnahmen nicht auf Kosten der Versorgung von Opfern geschehen.
Zudem müssen sich Täterprogramme auch mit der Gefahr auseinandersetzen, als Feigenblätter für gesellschaftliche Bedingungen, denen die Produktion von Gewaltverhältnissen innewohnt, benutzt zu werden. Die Bekämpfung von Gewalt läuft ins Leere, wenn sie rein symptomorientiert ausgerichtet ist. Die strukturelle Verleugnung männlicher Verletzbarkeit und Hilfebedürftigkeit reduziert die Chancen auf eine nachhaltig wirksame Gewaltprävention (Lenz, 2007).

2 Literatur

Alaggia, R. (2004). Many ways of telling: expanding conceptualizations of child sexual abuse disclosure. Child Abuse & Neglect, 28, 1213-1227.

Boehme, U. (2004). "Eigentlich geht's mir schon wieder gut" - Gestaltung eines Hilfsangebots für Jungen. In: Beratungsstelle Kibs (Hrsg.), "Offensichtlich unsichtbar". Jungen als Opfer sexueller Gewalt. Dokumentation zur Fachtagung am 27.10.2004 in München (S. 62 - 79). München: Kinderschutz und Mutterschutz e.V.

Goodman-Brown, T.B., Edelstein, R.S., Goodman, G.S., Jones, D.P.H., & Gordon, D.S. (2003). Why children tell: A model of children's disclosure of sexual abuse. Child Abuse & Neglect, 27, 525-540.

Lenz, H.-J. (2007).Gewalt und Geschlechterverhältnis aus männlicher Sicht. In: S.B. Gahleitner & H.-J. Lenz (Hrsg.), Gewalt und Geschlechterverhältnis. Interdisziplinäre und geschlechtssensible Analysen und Perspektiven, (S. 21 -51). Weinheim und München: Juventa.

London, K., Bruck, M., Ceci, S.J., & Shuman, D.W. (2005). Disclosure of child sexual abuse: What does the research tell us about the ways that children tell? Psychology, Public Policy & Law, 11, 194-226.

Mosser, P. (2003). Die Beratungsstelle KIBS in München - Methodische Möglichkeiten im Umgang mit Schwellenängsten und Tabuisierungen. In: A. May & N. Remus (Hrsg.), Jungen und Männer als Opfer von (sexualisierter) Gewalt. Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt, 5 (S. 187 - 212). Berlin: Verlag die Jonglerie.

Mosser, P. (2009a). Wege aus dem Dunkelfeld. Aufdeckung und Hilfesuche nach sexuellem Missbrauch an Jungen. Wiesbaden: VS-Verlag.

Mosser, P. (2009 b). Sexueller Missbrauch als möglicher biographischer Hintergrund verhaltensauffälliger Jungen. In W. Wiater & D. Menzel (Hrsg.). Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf in der Regelschule, Band 3: Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensbesonderheiten.

Reinhart, M. (1987). Sexually abused boys. Child Abuse & Neglect, 11, 229-235.

Roesler, T.A. & Wind, T.W. (1994). Telling the secret: adult women describe their disclosures of incest. Journal of Interpersonal Violence, 9, 327-338.

Sjöberg, R.L. & Lindblad, F. (2002). Delayed disclosure and disrupted communication during forensic investigation of child sexual abuse: A study of 47 corrobated cases. Acta Paediatrica, 91, 1391-1396.

3 Weiterführende Literatur

Helming, E., Kindler, H., Langmeyer, A., Mayer, M., Mosser, P., Entleitner, C., Schutter, S. & Wolff, M. (2011). Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen. Abschlussbericht des DJI-Projekts im Auftrag der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann. Online verfügbar.

Kavemann, B. & Rothkegel, S. (2012). Bestandsaufnahme spezialisierter Beratungsangebote bzw. spezialisierter Beratungsstellen für Menschen, die von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend betroffen sind - Abschlussbericht. Berlin: Sozialwissenschaftliches Frauenforschungsinstitut. Online verfügbar.

Keupp, H., Straus, F., Mosser, P., Gmür, W. & Hackenschmied, G. /Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) (Hrsg.) (2013). Sexueller Missbrauch, psychische und körperliche Gewalt im Internat der Benediktinerabtei Ettal. Individuelle Folgen und organisatorisch-strukturelle Hintergründe. München, IPP. Online verfügbar.

RTKM (2010). Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich. Zwischenbericht Band 1. Online verfügbar.

Autor

  • Dr. Peter Mosser

    Dr. Peter Mosser ist Psychologe bei der Münchner Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle "kibs" für männliche Opfer sexueller Gewalt.

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Qualitätskriterien für Intervention

Informationen zu Qualitätskriterien für die Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen finden Sie auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachläsigung e.V. (DGfPI)

Studie

Andresen, Sabine et al. (2015): Prävention sexueller Gewalt in der Grundschule: Erfahrungen, Überzeugungen und Wirkungen aus Sicht von Kindern, Eltern, Lehr- und Fachkräften. Beltz.

Leitfaden

Wie verhalte ich mich als Lehrkraft bei Kindeswohl- gefährdung durch sexuellen Missbrauch? Ein Leitfaden der Bezirksregierung Düsseldorf (2011).
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Anlaufstellen

Wo finde ich Hilfe in meiner Region? Eine Datenbank mit Adress- und Anlaufstellen finden Sie hier.

Handreichung

Sexualisierte Gewalt durch Mitarbeiter und Mitarbei- terinnen an Mädchen und Jungen in Organisationen. Eine Arbeitshilfe des Deutschen Kinderschutzbund NRW (2012)    
zur Arbeitshilfe

Leitfaden

Leitfaden für Fachkräfte in der Jugendhilfe zum Thema "Jugendliche Sexualität und sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen" (Hrsg. Zartbitter Münster et al.)
zum Leitfaden

Arbeitshilfe

Bathke, S. et al. (2014): Arbeitshilfe zur Umsetzung des Kinderschutzes in der Schule. Hier geht es u.a. um folgende Fragen: Was kann und muss Schule bei einem Verdacht unternehmen? Wie dokumentiere ich einen Fall? Wie spreche ich mit den Eltern?
zur Arbeitshilfe

Broschüre

Sexuelle Übergriffe in der Schule. Neu- auflage 2010. Ein Leitfaden für Schulleitungen, Schulaufsicht und Kollegien zur Wahrung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts von Schülerinnen und Schülern. zum Leitfaden